Eine Untersuchung des Leiters der Rechtsmedizin am UKE, Klaus Püschel, hat dramatische Zustände in der Pflege alter Menschen in Hamburg offenbart.
Jeder achte der mehr als 8500 Untersuchten hatte mindestens ein Druckgeschwür, einen sogenannten Dekubitus. Die Zahl ist damit wieder nach oben geschnellt. Zwei Drittel der Untersuchten hatten schlechte oder gar keine Zähne mehr, jeder dritte verstorbene Heimbewohner war untergewichtig.
ver.di-Landeschef Wolfgang Rose fordert Bürgermeister Ole von Beust auf, die Not der alten Menschen und die miserablen Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte in Hamburg zur Chefsache zu machen: „Der Skandal ist so groß, dass hier der ganze Senat aktiv werden muss. Auf Grund von Renditedenken bei den gewerblichen Trägern und durch fehlende Refinanzierung wird an den Löhnen und der Qualifizierung der Beschäftigten gespart. Die Arbeit in der Pflege muss endlich mehr gesellschaftliche Anerkennung bekommen, damit ältere und kranke Menschen ein würdiges Leben führen können.
Die Pflegekräfte brauchen eine angemessene Entlohnung, denn sie leisten sowohl körperlich als auch psychisch Schwerstarbeit. Der Senat darf über Missstände nicht hinwegsehen.“
Norbert Proske, zuständiger ver.di-Betreuungssekretär Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen: „Damit die Voraussetzungen zur Vermeidung von Pflegefehlern in Pflegeeinrichtungen geschaffen werden, ist im neuen Hamburger Heimgesetz der Punkt Qualitätsmanagement und Personalmanagement als Prüfkriterium für die Zulassung von Pflegeeinrichtungen unverzichtbar.
ver.di hat dies in seiner Stellungnahme zum Referentenentwurf des neuen Hamburger Heimgesetzes deutlich gemacht. Auch im Entwurf einer Pflegefachkräfte-Berufsordnung in Hamburg wird deutlich, dass nicht die Beschäftigten für Pflegefehler verantwortlich gemacht werden dürfen, sondern es sind finanzielle und organisatorische Voraussetzungen von den Anbietern zu gewährleisten, damit die personellen und fachlichen Rahmenbedingungen (bessere Personalausstattung, keine Rennpflege sondern Zeit für Fortbildung und Umsetzung von Qualitätskriterien) gewährleistet werden können, um Qualitätsmängel in der Pflege zu verhindern. Statt weiterer neuer Prüfsiegel für Pflegeeinrichtungen ist es notwendig, die Träger auf die Einhaltung von Arbeitsschutzgesetzen und Tarifverträgen zu überprüfen. Nicht die Frage nach einem möglichst billigen Pflegeplatz darf im Vordergrund stehen, sondern die Frage nach guten und tariflich gesicherten Arbeitsbedingungen und deren Einhaltung muss in den Mittelpunkt gerückt werden.“
Den Pflegekräften müsse mehr Zeit für Pflegebedürftige eingeräumt werden: Die von den Kassen bezahlten Pflegezeiten sind so knapp bemessen, dass über Leistungen wie Waschen, Medikamentenvergabe, Begleitung beim Essen im Minutentakt keine Zeit für psychosoziale Betreuung bleibt. Die Finanzierung der Personalausstattung durch Pflegekassen und Sozialbehörden könnte gerade für einsame alte Menschen die notwendige Zuwendung ermöglichen. Die Anbieter brauchen eine bessere Personalausstattung und einen alltagstauglichen Personalschlüssel, damit eine qualitativ gute Pflege überhaupt gewährleistet werden kann.
In der Pflege-Ausbildung ist Hamburg das bundesweite Schlusslicht. Gute Pflege braucht aber qualifizierte Pflegerinnen und Pfleger. Eine umfassende Ausbildung können sich ambulante Pflegedienste aber kaum leisten, denn der damit verbundene Aufwand wird (anders als in der stationären Pflege) nicht refinanziert. Dies führt dazu, dass Einrichtungen, die ausbilden, höhere Preise für ihre Pflegedienstleistungen in Rechnung stellen müssen und somit einen Konkurrenznachteil auf dem Markt haben. Auch hier ist eine Korrektur erforderlich.
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